Mit freundlicher Genehmigung des Mitteldeutscher Verlag GmbH
von Antje Reichel • Der Dom St. Marien Insgesamt sechs Kirchen
und Kapellen standen einst im Hauptort des ostelbischen Bistums Havelberg. Vier davon haben die Zeit bis heute überdauert. Als erster und wichtigster Bau ist der Dom St. Marien mit seinen Stiftsgebäuden zu nennen. Die Hauptkirche
für die Bewohner der Hansestadt Havelberg war St. Laurentius. Das Beginenhospital St. Spiritus (Hl. Geist) auf dem Salzmarkt und das Hospital St. Gertraud und St. Annen vor dem Steintor hatten jedes eigene Kapellen. Eine weitere
Kapelle, St. Crucis (Hl. Kreuz) genannt, stand ungefähr dort, wo sich heute die Stadtschule befindet. Sie gehörte zum kleinen Kirchhof und ist vermutlich nach dem Brand 1627 nicht wieder aufgebaut worden. Über ihre Gestalt ist
nichts überliefert. Unbekannt ist auch das Aussehen der um 1520 errichteten Kapelle am Calvarienweg, die zum Hospital St. Georg gehörte. Das Hospital, einer Sage nach gestiftet vom Bürgermeister Mathias Curdes nach einer
Jerusalemwallfahrt, wurde von karitativ tätigen Frauen einer religiösen Gemeinschaft „Unser lieben Frauen des Berges Calvaria“ bewohnt. Es bestand nur bis 1545 und wurde dann, auf Anordnung der Kurfürstlichen Visitatoren,
gleichzeitig mit dem St.-Annen-Hospital zum Beginenhaus am Salzmarkt verlegt. Von den ehemals drei Gebäuden ist heute nichts mehr erhalten. Die Kapelle verfiel wahrscheinlich bald nach der Auflösung des Hospitals. Das Domhospital
sollte, wenn hier auch keine Kapelle bekannt ist, nicht ganz unerwähnt bleiben. Das Fachwerkhaus des 1558 durch Peter Conradi gestifteten Hospitals, in dem bis 1894 etwa sieben Beginen lebten, befand sich in der Nähe des Krugtores
(heute An der Freiheit 1) und ist gegenwärtig noch vorhanden. Der Dom St. Marien Heutige Ausstattung und Einbauten (chronologisch): um 1300 das eichene Chorgestühl, Triumphkreuzgruppe (Bemalung
von 1885), drei Sandsteinleuchter; um 1330 Glasmalereien mit Grisailleornamenten; um 1350 Seitewan- gen vom Chorgestühl; um 1370 große Madonna aus Sandstein; um 1400 Glasmalereien mit Bildern aus dem Leben Christi,
Sandsteinchorschranke und Lettner mit reichem Maßwerk und Figurenschmuck, Laurentiusskulptur; um 1410 zwei Verkündigungsreliefs, Grabtumba mit Alabasterfigur; um 1430 Zweisitz, Madonna mit musizierenden Engeln; um 1450
Pietà-Relief; um 1470 Madonna aus Sandstein, Glasmalerei des Marienfensters; 1587/88 Sandsteintaufe; 1693 Kanzel; 1700 Hochaltar mit Abendmahlgemälde, Chorgestühl und Bekrönung am Zweisitz; 1777 Orgel.
Das Prämonstratenserdomstift
Das Havelberger Prämonstratenserdomstift wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des Jahres 1150 durch den Bischof Anselm gegründet. Der durch Norbert von Xanten 1121 gegründete Orden sollte klösterlich gemeinsames Leben von
Priestern mit Seelsorge und liturgischem Dienst verbinden. Die Chorherren lebten nach der strengen Augustinusregel.
Charakteristisch war ein von Armut, Fasten und Schweigen geprägtes Leben. Die Hauskleidung bestand aus ungebleichtem
Wollstoff, der an das Büßerhemd erinnerte. In der Kirche (und in den kalten Jahreszeiten) trugen die Prämonstratenser einen
Schultermantel, meist aus Pelz, und als Kopfbedeckung das Birett. Das alltägliche Leben der Geistlichen sah hauptsächlich
die sieben bis acht Gottesdienste vor. Zwischenzeitlich wurden, je nach Funktion, Hausarbeiten, Krankenpflege, Unterricht,
Verwaltungsarbeit und ähnliches ausgeübt. Darüber hinaus widmeten sich die Havelberger Chorherren der Betreuung der
umliegenden Pfarreien und der Mission unter den Slawen. Die Räume des Klosters waren funktional auf die Lebensweise der Prämonstratenser abgestimmt. So gab es neben dem üblichen Kapitelsaal und Speiseräumen beispielsweise einen
gemeinsamen Schlafsaal und einen Sprechraum für Unterhaltungen. Die Strenge der Anfangszeit lockerte sich bis zum l6.
Jahrhundert. Es gab zunehmend Erleichterungen in den Lebensvorschriften. Nach der Auflösung der Prämonstratenserregel
in Havelberg gründeten die Chorherren 1506 ein Domstift, das ihnen u.a. Privatbesitz und den Bau eigener Herrenhöfe
erlaubte. Mit dem Bau am Ostflügel (Konventbau) des Klosters wurde bald nach 1150 begonnen. Er ist im Unterschied zum
Dom in Backstein errichtet und gehört damit, neben Jerichow, zu den ältesten romanischen Backsteinbauten im nördlichen
Deutschland. Das langgestreckte Gebäude schließt sich südlich an den Choranbau des Domes an und reicht bis an den Bergabhang. Es waren zwei Geschosse vorgesehen. Im Untergeschoß befanden sich zunächst direkt am Dom eine Sakristei
und daran anschließend das Vestiarium für die wertvollen Gewänder. An diesen Raum schloß sich der Haupteingang zum
Kloster an. Daneben befand sich, als Versammlungsraum der Chorherren, der Kapitelsaal. Er war vom Kreuzgang durch ein
Doppelportal mit gestuftem Gewände begehbar. Der zweischiffige Raum mit Kreuzgratgewölben und Gurtbögen hatte eine Größe von rund 13,5 m x 9,0 m und ragte damit etwas nach Osten heraus. Südlich daran schloß sich das Parlatorium und
Auditorium an. Dieser Raum diente als Sprechraum und war zur Unterrichtung von Laien und Novizen gedacht. Der südlichste Raum war zweischiffig und von der Fläche her im Erdgeschoß der größte. Seine ursprüngliche Nutzung ist bis
heute umstritten. Alle Räume im Erdgeschoß waren von einem in der Anfangszeit wohl höchstens als Holzbau existierenden
Kreuzgang an der Westseite des Gebäudes erreichbar. Die Westfassade war mit Ecklisenen, Fenstern und Portalen mit gestuften Gewänden gegliedert. Den oberen Abschluß bildete ein Fries mit doppeltem deutschen Band und Zahnschnitt.
Das Obergeschoß beherbergte in der Hauptsache das Dormitorium als großen, ungeteilten Schlafsaal. Nördlich davon
befand sich ein Raum für Bibliothek und Archiv und südlich wahrscheinlich ein Calefaktorium. Als Wärmstube müßte dieser
Raum mit einer Heizanlage ausgestattet gewesen sein. Im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts erhielt der Ostflügel einen
gewölbten Kreuzgang, der Ende des 14. Jahrhunderts aufgestockt wurde. Noch im ausgehenden 12. Jahrhundert begannen
die Arbeiten am Südflügel des Klosters. Der Refekturbau wurde gegliedert in ein kleines Winterrefektorium und westlich davon in ein größeres Sommerrefektorium. Beide Speisesäle hatten anfangs flache Holzdecken. Über die Nutzung des
Obergeschosses ist wenig bekannt. Vermutlich war dies in der Anfangszeit das Laiendormitorium. Mitte des 13. Jahrhunderts
wurde dem Südflügel ein Kreuzgang vorgesetzt. Die Bauarbeiten am Cellarium begannen schon in der zweiten Hälfte des 13.
Jahrhundert. Das Cellarium war der dritte und letzte Flügel der Anlage. Er schloß den annähernd quadratischen Klosterhof
ab und erhielt von vornherein einen Kreuzgang. Im Erdgeschoß beherbergte er kellerartige Wirtschaftsräume und darüber einen Kornspeicher.
Nach 1275 erhielt das Domkapitel Einkünfte aus der Pfarrei Wittstock. Mit diesen Geldern konnten einige Umbauten am Süd-
und Ostflügel vorgenommen werden. Die Umbauten begannen im 14. Jahrhundert im Sommerrefektorium mit der Einwölbung des Raumes. Gegen Ende dieses Jahrhunderts erfolgte eine Umgestaltung des Dormitoriums durch den Einbau von
einzelnen Zellen. Der Schlafsaal hatte nun im inneren Bereich einen hohen, breiten Gang über die gesamte Länge des
Hauses. Von beiden Giebelseiten gaben hohe Fenster das nötige Licht für den Gang. Auf der Ost- und Westseite lagen die
abgeteilten Zellen. Im 15. Jahrhundert bekam das Winterrefektorium schließlich noch ein Sternrippengewölbe und die Kreuzgänge des Süd- und Westflügels ein Kreuzrippengewölbe.
Nach der Umwandlung des Klosters in ein weltliches Stift 1506 standen die Gebäude faktisch leer. Nur ein geringer Teil der
Anlage verblieb in der Nutzung des Domstifts, das sich beispielsweise im Ostflügel eine beheizbare Kapitelstube einrichten
ließ. In den seit der Klosterauflösung fast 500 Jahren, wurden die Räume unterschiedlichsten weltlichen Zwecken zur Verfügung gestellt. Das brachte zahlreiche Um- und Einbauten mit sich, welche die mittelalterliche Substanz stark
veränderten. Der Ostflügel wurde dabei am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Das Spektrum der Nutzungen erstreckte sich von Wohnungen, Gerichtsstuben und Domschule über Speicher- und Lagerräume, Gewänderkammern des Militärs bis
hin zu Gefängnis, Wagenscheune und Viehstall. Im 19. und 20. Jahrhundert restaurierte man einige Gebäudeteile. Der Paradiessaal (um 1890) und die Kreuzgänge sind repräsentative Beispiele dafür.
Heute ist im Obergeschoß der drei Stiftsgebäude das Die Stadtkirche St. Laurentius Eine erste schriftliche Erwähnung der Stadtkirche finden wir anläßlich der Stiftung von Nebenaltären im Jahre 1340. Ihre Bauanfänge kämen demnach um 1300 in Frage, was auch von Friedrich Adler und Paul Eichholz in ihren
Beschreibungen über St. Laurentius angenommen wird. Die vermutete Bauzeit im 15. Jahrhundert ist wohl allein aus dem Vergleich der Bauformen von St. Jakobi in Perleberg heraus entstanden.
Eine detaillierte bau- und kunsthistorische Begutachtung der Kirche würde sicher Aufschluß über ihre Entstehung bringen. (Die erste dendrochronologische Untersuchung im Dachstuhl des Altarraumes ergab
z.B. an einem Eichenbalken ein Fälldatum von 1210.) Der jetzige Bau besteht aus dem Westturm, dem dreischiffigen Langhaus und einem in fünf Seiten des Achtecks
geschlossenen Chor. Westlich am Turm befindet sich ein im 15. Jahrhundert entstandener, zweistöckiger Vorbau mit der alten Türmerwohnung. Die Votivtafel mit Kreuzigungsrelief neben dem Westportal entstand 1459. Darüber ist ein
Sühnekreuz eingemauert. An der Süd- und Nordseite des Chores entstanden im 17. Jahrhundert Anbauten. Das Kircheninnere ist mit einem hölzernen Kreuzgewölbe ausgestattet. Geplant war sicher ein massives Gewölbe, das entweder
durch den schlechten Baugrund nie ausgeführt werden konnte oder durch spätere Zerstörungen verlorenging. Im Chorraum
befand sich nach der Reformation eine flache Kassettendecke mit rund 70 Porträtbildern, die vermutlich 1750 überputzt wurden und l854 durch den Einbau des Kreuzgewölbes im Dachraum verschwanden. 1989 entdeckten Dachdecker bei
Reparaturarbeiten die relativ gut erhaltene Holzdecke im Dachstuhl des Chorraumes. Der Kirchenbau hat, wenn er auch den großen Brand von 1627 fast als einziges Gebäude der Stadtinsel relativ unbeschadet
überstand, viele Veränderungen hinnehmen müssen. Brände, Blitzschläge, Kriege und der zu weiche Untergrund sind die Ursachen.
Interessant scheint die recht gut aus gotischer Zeit erhaltene Südwand des Kirchenschiffs mit ihren profilierten Fenstern und
dem vermauerten Portal. Auf der Nordseite befand sich der vermutlich 1346 entstandene Kapellenanbau St. Johannes. Nach seinem Abriß l854 entstand hier das neugotische Portal.
Schriftliche Überlieferungen zu baulichen Veränderungen an der Stadtkirche finden wir in einer Urkunde von 1660. Darin
steht, daß zwei Jahre zuvor (1658) der Kirchturm „so eine dreydoppelte Haube gehabt mit Kupfer gedeckt“, die Orgel, Glocken und das Holzgewölbe (“brettern boden“) durch Feuer zerstört wurden. Bis l660 arbeitete man an der
Wiederherstellung der Kirche, wobei Kirchturm, Dach, Holzdecke und die zerstörte Ausstattung erneuert werden mußten.
Auch die heute das Stadtbild prägende, schiefergedeckte Turmhaube entstand in jener Zeit. 1704 zerstörte ein Blitzschlag
den Turmvorbau. Ein Jahr später wurden im Protokollbuch des Stadtgerichts die Emporen in der Kirche erwähnt, die zu dieser Zeit schon vorhanden gewesen sein müssen.
Im Jahre 1750 war man erneut gezwungen, an der Kirche zu bauen, „da an der süd- und westseite die mauer sich merklich
geneiget“ (Bekmann l753). Die inneren Pfeiler und große Mauerteile mußten neu aufgebaut und die äußeren Strebepfeiler
verstärkt werden. Das Mittelschiff erhielt ein neues hölzernes und überputztes Tonnengewölbe. In die Kirchenschiffe und den
Chorraum baute man barocke Emporen ein, die gesondert für Offiziere, Ratsherren, Soldaten, Schüler und verschiedene
Gilden vorgesehen waren. Die Arbeiten waren noch nicht abgeschlossen, als 1752 durch einen Blitzschlag das Dach, der
Turm, die Orgel und die Holzdecke erneut zerstört wurden. Neben der notwendigen Reparatur ließ sich die Stadtgemeinde 1754 von Gottlieb Scholze aus Neuruppin eine neue Orgel bauen. Die folgenden Jahre waren durch übliche kleinere
Reparaturen am Gebäude gekennzeichnet. 1817 erhielt die Kirche einen neuen Altar in neogotischen Formen mit einem Gemälde der Kreuzabnahme von Bernhard Rhode.
In der Mitte des vorigen Jahrhunderts beantragte der Gemeindevorstand bei der königlichen Regierung den „inneren Ausbau“ der Stadtkirche. Im Antrag steht: „Der Putz an der Decke und an den Wänden ist unsauber, sämtliche Sitze im
Schiffe und auf den Chören sind veraltet, und zum großen Theil beschädigt, die Emporen selbst sogar theilweise schon unsicher, mehrere Eingänge schlecht und wegen des Zuges, den sie erzeugen, schädlich, das Pflaster ist durchweg
schadhaft.“ Innerhalb eines halben Jahres, von Mai bis November 1854, wurde nach den Angaben des Regierungsbaurates
Horn in der Kirche folgendes erneuert: Mittelschiff und Chor er- hielten das hölzerne verputzte Kreuzgewölbe, der Fußboden
wurde mit roten und weißen Steinen neu gepflastert (teilweise Holzdielung), alle Emporen, Stühle und Türen neu gebaut, die
Kanzel umgesetzt und die Orgel repariert. Außerdem wurde die Johanneskapelle an der Nordseite der Kirche abgerissen
und an deren Stelle ein neugotisches Portal gesetzt. Aus der 1819 veröffentlichten Reisebeschreibung von Prof. Büsching geht hervor, daß sich in der Kapelle zu seiner Zeit noch einige gotische Schnitzaltäre befanden, die sicher zur
mittelalterlichen Ausstattung der Kirche gehörten. Leider ist über ihren Verbleib nach dem Abriß der Kapelle nichts bekannt.
1895 baute man in die Stadtkirche eine erste Heizanlage, bestehend aus acht Gasöfen ein, die schon rund zehn Jahre später durch eine Warmluftheizungsanlage ersetzt wurde. Die beiden großen Kriege unseres Jahrhunderts brachten den
Verlust der alten Bronzeglocken und Schäden am Gebäude mit sich. 1956 wurden neue Glocken eingebaut, 1970 das Kircheninnere ausgemalt und 1985 bis 1991 Dach und Dachstuhl saniert.
Heutige Ausstattung und Einbauten (chronologisch): aus dem 15. Jh. verzierter Sakristeischrank; 1537 Grabplatte des Hans
von der Schulenburg; 1566 Grabplatte des Bürgermeisters Mathias Kurdes; 1566 Grabplatte des Pfarrers Nicolaus Herwig; 1585 Grabplatte des Pfarrers Peter Rhinow; 1595 Grabplatte des Bürgers Kersten Hovemann; 1625 Grabplatte des
Bürgermeisters Franz Kurdes; 1646 Porträtbild des Pfarrers Joachim Blumenthal; aus dem 17. Jh. Kreuztragungsgemälde und Spätrenaissanceleuchter aus Messing; 1691 Spätrenaissancekanzel (Bemalung von 1702); 1723 bronzener
Taufständer; 1733 Porträtbild des Pfarrers Caspar Lehmann; 1752 Porträtbild des Pfarrers Caspar Franke; 1754 Orgel von
G. Scholze; aus dem 18. Jh. fünf Grabplatten Havelberger Bürger, darunter eine Platte der Familie des Offiziers Reimar von Kleist von 1791; 1817 Altarciborium und Gemälde der Kreuzabnahme von Bernhard Rhode; 1854 Emporen, Bänke und
Türen. Kurz nach der Gründung eines Museums in Havelberg kamen einige Ausstattungsstücke der Stadtkirche in die Ausstellungen, darunter als ältestes Kunstwerk eine 110 cm hohe geschnitzte Christusfigur (Kruzifix) um 1330, eine
Gedenktafel der Familie Curdes von 1676, der Opferstock und rund 30 Bücher aus dem 16. Jahrhundert sowie zwei Altarleuchter und zwei Sandsteinfiguren aus dem 17. Jahrhundert. Die Hospitalkapelle St. Anna
Die Nutzung der Kapelle war in den vergangenen Jahrhunderten sehr wechselvoll. Im 15. und l6. Jahrhundert war sie das kleine Gotteshaus des in der Nähe gelegenen Hospitals St. Gertraut und St. Annen. Vielleicht
gründete man das Hospital für die Pf1ege und Versorgung der nach Wilsnack pilgernden Wallfahrer. Ein dazugehöriger kleiner Friedhof erstreckte sich bis an den Hohlweg. Dieser diente nach der Reformation den
umliegenden Berggemeinden als Bestattungsplatz. In der Kapelle wurden die Trauerfeiern gehalten. Seit Anlage der neuen Friedhöfe im Jahre 1822 diente der kleine Bau nur noch als Abstellraum für die Leichengräbergeräte
und als Leichenhalle für fremde Leichname (z.B. Ertrunkene aus der Havel). 1886 plante die Stadt eine Restaurierung der Kapelle im neogotischen Stil mit Emporeneinbauten, die jedoch nie verwirklicht wurde. 1907 erfolgte eine
bauliche Instandsetzung für die reguläre Nutzung als Leichenhalle des Saldernberger- und des Jungfern- friedhofs. Seit den 1950er Jahren diente sie schließlich als Holzlager für einen Tischler.
1995 ließ die Stadt den malerischen Backsteinbau erneut instand setzen, diesmal zur Nutzung als Traukapelle. Das vor der Annenkapelle aufgestellte Pilgerkreuz ist die Nachbildung eines mittelalterlichen Wegweisers aus Lübeck. Es
wurde 1932 vom Steinmetz Fritz Krege zur Erinnerung an die auch in Havelberg durchziehenden Pilgerscharen nach Wilsnack angefertigt.
Die Hospitalkapelle St. Spiritus
Über mehrere Jahrhunderte diente die Kapelle als Gotteshaus des Beginenhospitals. Beginen (auch Beguinen) waren Bürgerwitwen oder -töchter, die sich in einer klosterähnlichen Gemeinschaft zusammenfanden; zur eigenen sozialen
Versorgung und zu Werken christlicher Nächstenliebe. Sie beschäftigten sich hauptsächlich mit Krankenpflege, Gebet, Handarbeit und Leichenbesorgung.
Im 19. Jahrhundert gingen die Pflichten der Beginen zurück. Als Einrichtung zur Versorgung von Bürgerwitwen bestand das Beginenhaus noch bis zur Mitte unseres Jahrhunderts. Wann das Innere der alten Kapelle zu Wohnzwecken umgebaut
wurde, läßt sich leider nicht sagen. Das Gebäude ist 1841 als sehr baufällig eingestuft worden. Das Erdgeschoß beherbergte in dieser Zeit eine große beheizbare Stube die etwa die Hälfte des Gebäudes einnahm. Im Treppenhaus war
gleichzeitig die Küche mit einer Kammer und im Obergeschoß befanden sich sechs kleine Kammern. 1852 wurden die Stubenfenster mit Bleifassung repariert, 1855 eine neue Treppe eingebaut und wieder vier Jahre später die Dielung
erneuert. Die Umbauten erfolgten in kleinen Schritten, bis schließlich 1885 eine separate Krankenstube im Erdgeschoß (links
vom Eingang), drei beheizbare Stuben im Obergeschoß, ein neuer Schornstein und sechs Dachkammern entstanden. Das Gebäude wurde, nachdem 1952 die letzten Bewohnerinnen auszogen, seit 1960 als Büro für eine Statistikbehörde genutzt.
Seit der Instandsetzung von 1993 beheimatete es das Fremdenverkehrsamt von Havelberg. Seit dem 3. Oktober 2000 wird es einer neuen Nutzung zugeführt. |