Sakralbauten


Mit freundlicher Genehmigung des Mitteldeutschen Verlages

Auszüge aus “HAVELBERG-kleine Stadt mit grosser Vergangenheit”

von Antje Reichel

Die mittelalterlichen Sakralbauten Havelbergs

Insgesamt sechs Kirchen und Kapellen standen einst im Hauptort des ostelbischen Bistums Havelberg. Vier davon haben die Zeit bis heute überdauert. Als erster und wichtigster Bau ist der Dom St. Marien mit seinen Stiftsgebäuden zu nennen. Die Hauptkirche für die Bewohner der Hansestadt Havelberg war St. Laurentius. Das Beginenhospital St. Spiritus (Hl. Geist) auf dem Salzmarkt und das Hospital St. Gertraud und St. Annen vor dem Steintor hatten jedes eigene Kapellen. Eine weitere Kapelle, St. Crucis (Hl. Kreuz) genannt, stand ungefähr dort, wo sich heute die Stadtschule befindet. Sie gehörte zum kleinen Kirchhof und ist vermutlich nach dem Brand 1627 nicht wieder aufgebaut worden. Über ihre Gestalt ist nichts überliefert. Unbekannt ist auch das Aussehen der um 1520 errichteten Kapelle am Calvarienweg, die zum Hospital St. Georg gehörte. Das Hospital, einer Sage nach gestiftet vom Bürgermeister Mathias Curdes nach einer Jerusalemwallfahrt, wurde von karitativ tätigen Frauen einer religiösen Gemeinschaft „Unser lieben Frauen des Berges Calvaria“ bewohnt. Es bestand nur bis 1545 und wurde dann, auf Anordnung der Kurfürstlichen Visitatoren, gleichzeitig mit dem St.-Annen-Hospital zum Beginenhaus am Salzmarkt verlegt. Von den ehemals drei Gebäuden ist heute nichts mehr erhalten. Die Kapelle verfiel wahrscheinlich bald nach der Auflösung des Hospitals. Das Domhospital sollte, wenn hier auch keine Kapelle bekannt ist, nicht ganz unerwähnt bleiben. Das Fachwerkhaus des 1558 durch Peter Conradi gestifteten Hospitals, in dem bis 1894 etwa sieben Beginen lebten, befand sich in der Nähe des Krugtores (heute An der Freiheit 1) und ist gegenwärtig noch vorhanden.

Der Dom St. MarDom St. Marienien

der Dom St. MarienSeit der Mitte des 10. Jahrhunderts wird es in Havelberg erste Bautätigkeiten an einer Bischofskirche gegeben haben. Zwar sind diese schriftlich nicht belegt, aber während des Liutitzenaufstandes 983, so berichtet ein Chronist, wurde eine Kirche zerstört. Welcher Gestalt dieser Kirchenbau war, läßt sich heute schwer sagen. Einige bauliche Besonderheiten weisen darauf hin, daß der Dom schon einen steinernen Vorläufer hatte, doch die Argumente für und gegen einen ottonischen Steinbau in Havelberg halten sich gegenwärtig noch die Waage. Nur eine eingehende Bauforschung könnte das Rätsel um die Entstehung des Domes klären. Im 12. Jahrhundert wurde unter dem Einfluß des Bischofs Anselm seit etwa 1150 an einem Dom gebaut. Schon am 16. August 1170 konnte nach 20jähriger Bauzeit eine Basilika geweiht werden. Die Kirche war etwa 70 Meter lang und 20 Meter breit. Das Baumaterial kam aus Steinbrüchen bei Plötzky und wurde auf der Elbe per Schiff nach Havelberg transportiert. Die romanische Basilika bestand aus zwei turmartigen Querriegeln (Ost- und Westbau) mit dazwischenliegendem dreischiffigem Langhaus, das in zehn Arkaden gegliedert war. Alle drei Schiffe hatten eine flache Holzdecke. Die romanischen Kreuzpfeiler waren mit profilierten Kämpfern geziert. Ein großer Triumphbogen trennte optisch den Chorraum vom Langhaus ab. Der Chor selbst war querrechteckig und wurde von einer halbrunden Apsis abgeschlossen. Zu den beiden unteren Kapellen in den Seitenschiffen gab es vom Chorraum aus Zugänge. Der Westbau, nach außen wehrhaft geschlossen wirkend, hatte innen zu den Kirchenschiffen fünf Rundbogenportale. Im Obergeschoß öffneten sich drei weitere große Bögen zum Mittelschiff. Romanische Schmuckformen sind zum Beispiel an einem heute vermauerten Portal (Palmetten) oder in den Zwillingskapellen (Schachbrettornamente) überliefert. Ein Brand im Jahre 1279 zerstörte wesentliche Teile des Domes. Unter Ausnutzung der vorhandenen romanischen Bauteile wurde die Basilika gotisch mit Backsteinen umgebaut. Hierbei vergrößerte man die Fenster im nördlichen und südlichen Seitenschiff. Das Mittelschiff wurde erhöht, um auch hier große gotische Obergadenfenster einsetzen zu können, und anschließend mit Kreuzrippen gewölbt. Vor die romanischen Arkaden kamen gotische Blendarkaden aus Backstein. Der Chorraum erhielt eine polygonale Apsis mit gotischen Fenstern. Der gesamte Umbau war vermutlich erst 1330 abgeschlossen. In diesem Jahr weihte Bischof Dietrich I. den Hochaltar. Der Anbau der Marienkapelle im südlichen Seitenschiff erfolgte noch im 14. Jahrhundert. Rund 200 Jahre später baute man daneben die Annenkapelle. Bauliche Veränderungen sind dann erst wieder im Zuge der Restaurierungen des 19. Jahrhunderts zu verzeichnen. Hierbei änderte sich vor allem das Aussehen einiger Portale und Fenster, der Fußboden wurde erneuert und die innere Farbgebung mehrmals verändert. 1907 bis 1909 wurde in den Turm schließlich ein neoromanisches Portal eingebaut und ein backsteinernes Geschoß aufgesetzt.

Heutige AusstattunDom St. Marien inneng und Einbauten (chronologisch): um 1300 das eichene Chorgestühl, Triumphkreuzgruppe (Bemalung von 1885), drei Sandsteinleuchter; um 1330 Glasmalereien mit Grisailleornamenten; um 1350 Seitewangen vom Chorgestühl; um 1370 große Madonna aus Sandstein; um 1400 Glasmalereien mit Bildern aus dem Leben Christi, Sandsteinchorschranke und Lettner mit reichem Maßwerk und Figurenschmuck, Laurentiusskulptur; um 1410 zwei Verkündigungsreliefs, Grabtumba mit Alabasterfigur; um 1430 Zweisitz, Madonna mit musizierenden Engeln; um 1450 Pietà-Relief; um 1470 Madonna aus Sandstein, Glasmalerei des Marienfensters; 1587/88 Sandsteintaufe; 1693 Kanzel; 1700 Hochaltar mit Abendmahlgemälde, Chorgestühl und Bekrönung am Zweisitz; 1777 Orgel.

Veränderung durch Restaurierungen: 1840-42 Orgelempore, Brüstungsgeländer der Obergaden, Maßwerk der Zwillingskapellen, Gipskämpfer der Kreuzpfeiler, Ziegelfußboden, Sitzbänke und Türblätter; 1880-95 Glasmalereien der Christusfenster, Marienfenster, Fenster der Ostseite, innere Farbgebung; um 1900 Wappenfenster. Darüber hinaus befinden sich im Dom und den Kreuzgängen insgesamt 63 Sandsteingrabplatten hoher Würdenträger und Adliger aus dem 13. bis 18. Jahrhundert.

Das Prämonstratenserdomstift

Das Havelberger Prämonstratenserdomstift wurde wahrscheinlich in der ersten Hälfte des Jahres 1150 durch den Bischof Anselm gegründet. Der durch Norbert von Xanten 1121 gegründete Orden sollte klösterlich gemeinsames Leben von Priestern mit Seelsorge und liturgischem Dienst verbinden. Die Chorherren lebten nach der strengen Augustinusregel. Charakteristisch war ein von Armut, Fasten und Schweigen geprägtes Leben. Die Hauskleidung bestand aus ungebleichtem Wollstoff, der an das Büßerhemd erinnerte. In der Kirche (und in den kalten Jahreszeiten) trugen die Prämonstratenser einen Schultermantel, meist aus Pelz, und als Kopfbedeckung das Birett. Das alltägliche Leben der Geistlichen sah hauptsächlich die sieben bis acht Gottesdienste vor. Zwischenzeitlich wurden, je nach Funktion, Hausarbeiten, Krankenpflege, Unterricht, Verwaltungsarbeit und ähnliches ausgeübt. Darüber hinaus widmeten sich die Havelberger Chorherren der Betreuung der umliegenden Pfarreien und der Mission unter den Slawen. Die Räume des Klosters waren funktional auf die Lebensweise der Prämonstratenser abgestimmt. So gab es neben dem üblichen Kapitelsaal und Speiseräumen beispielsweise einen gemeinsamen Schlafsaal und einen Sprechraum für Unterhaltungen. Die Strenge der Anfangszeit lockerte sich bis zum l6. Jahrhundert. Es gab zunehmend Erleichterungen in den Lebensvorschriften. Nach der Auflösung der Prämonstratenserregel in Havelberg gründeten die Chorherren 1506 ein Domstift, das ihnen u.a. Privatbesitz und den Bau eigener Herrenhöfe erlaubte. Mit dem Bau am Ostflügel (Konventbau) des Klosters wurde bald nach 1150 begonnen. Er ist im Unterschied zum Dom in Backstein errichtet und gehört damit, neben Jerichow, zu den ältesten romanischen Backsteinbauten im nördlichen Deutschland. Das langgestreckte Gebäude schließt sich südlich an den Choranbau des Domes an und reicht bis an den Bergabhang. Es waren zwei Geschosse vorgesehen. Im Untergeschoß befanden sich zunächst direkt am Dom eine Sakristei und daran anschließend das Vestiarium für die wertvollen Gewänder. An diesen Raum schloß sich der Haupteingang zum Kloster an. Daneben befand sich, als Versammlungsraum der Chorherren, der Kapitelsaal. Er war vom Kreuzgang durch ein Doppelportal mit gestuftem Gewände begehbar. Der zweischiffige Raum mit Kreuzgratgewölben und Gurtbögen hatte eine Größe von rund 13,5 m x 9,0 m und ragte damit etwas nach Osten heraus. Südlich daran schloß sich das Parlatorium und Auditorium an. Dieser Raum diente als Sprechraum und war zur Unterrichtung von Laien und Novizen gedacht. Der südlichste Raum war zweischiffig und von der Fläche her im Erdgeschoß der größte. Seine ursprüngliche Nutzung ist bis heute umstritten. Alle Räume im Erdgeschoß waren von einem in der Anfangszeit wohl höchstens als Holzbau existierenden Kreuzgang an der Westseite des Gebäudes erreichbar. Die Westfassade war mit Ecklisenen, Fenstern und Portalen mit gestuften Gewänden gegliedert. Den oberen Abschluß bildete ein Fries mit doppeltem deutschen Band und Zahnschnitt.

Das Obergeschoß beherbergte in der Hauptsache das Dormitorium als großen, ungeteilten Schlafsaal. Nördlich davon befand sich ein Raum für Bibliothek und Archiv und südlich wahrscheinlich ein Calefaktorium. Als Wärmstube müßte dieser Raum mit einer Heizanlage ausgestattet gewesen sein. Im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts erhielt der Ostflügel einen gewölbten Kreuzgang, der Ende des 14. Jahrhunderts aufgestockt wurde. Noch im ausgehenden 12. Jahrhundert begannen die Arbeiten am Südflügel des Klosters. Der Refekturbau wurde gegliedert in ein kleines Winterrefektorium und westlich davon in ein größeres Sommerrefektorium. Beide Speisesäle hatten anfangs flache Holzdecken. Über die Nutzung des Obergeschosses ist wenig bekannt. Vermutlich war dies in der Anfangszeit das Laiendormitorium. Mitte des 13. Jahrhunderts wurde dem Südflügel ein Kreuzgang vorgesetzt. Die Bauarbeiten am Cellarium begannen schon in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhundert. Das Cellarium war der dritte und letzte Flügel der Anlage. Er schloß den annähernd quadratischen Klosterhof ab und erhielt von vornherein einen Kreuzgang. Im Erdgeschoß beherbergte er kellerartige Wirtschaftsräume und darüber einen Kornspeicher.

Nach 1275 erhielt das Domkapitel Einkünfte aus der Pfarrei Wittstock. Mit diesen Geldern konnten einige Umbauten am Süd- und Ostflügel vorgenommen werden. Die Umbauten begannen im 14. Jahrhundert im Sommerrefektorium mit der Einwölbung des Raumes. Gegen Ende dieses Jahrhunderts erfolgte eine Umgestaltung des Dormitoriums durch den Einbau von einzelnen Zellen. Der Schlafsaal hatte nun im inneren Bereich einen hohen, breiten Gang über die gesamte Länge des Hauses. Von beiden Giebelseiten gaben hohe Fenster das nötige Licht für den Gang. Auf der Ost- und Westseite lagen die abgeteilten Zellen. Im 15. Jahrhundert bekam das Winterrefektorium schließlich noch ein Sternrippengewölbe und die Kreuzgänge des Süd- und Westflügels ein Kreuzrippengewölbe.

Nach der Umwandlung des Klosters in ein weltliches Stift 1506 standen die Gebäude faktisch leer. Nur ein geringer Teil der Anlage verblieb in der Nutzung des Domstifts, das sich beispielsweise im Ostflügel eine beheizbare Kapitelstube einrichten ließ. In den seit der Klosterauflösung fast 500 Jahren, wurden die Räume unterschiedlichsten weltlichen Zwecken zur Verfügung gestellt. Das brachte zahlreiche Um- und Einbauten mit sich, welche die mittelalterliche Substanz stark veränderten. Der Ostflügel wurde dabei am stärksten in Mitleidenschaft gezogen. Das Spektrum der Nutzungen erstreckte sich von Wohnungen, Gerichtsstuben und Domschule über Speicher- und Lagerräume, Gewänderkammern des Militärs bis hin zu Gefängnis, Wagenscheune und Viehstall. Im 19. und 20. Jahrhundert restaurierte man einige Gebäudeteile. Der Paradiessaal (um 1890) und die Kreuzgänge sind repräsentative Beispiele dafür.

Heute ist im Obergeschoß der drei Stiftsgebäude das Prignitz-Museum untergebracht. Das Erdgeschoß beherbergt Kapellen und Sakristeien der katholischen und der evangelischen Gemeinden. Ein großer Teil des Ostflügels ist seit Jahrzehnten baufällig und steht ungenutzt leer. Zur Sicherung der stark geneigten östlichen Außenwand wurden bisher Zuganker eingebaut. Die Sanierung des ältesten Klausurgebäudes soll noch im Jubiläumsjahr beginnen.

Die Stadtkirche St. Laurentius

Stadtkirche St. Laurentiusdie Stadtkirche St. LaurentiusDer gotische Backsteinbau im Zentrum der Stadt, etwas abseits vom Marktplatz gelegen, ist das älteste Gebäude auf der Insel. Bekmann schreibt 1773 über St. Laurentius: „Von ihrem ersten Anfang hat man zwar keine Nachricht: jedoch zeiget die bauahrt zur genüge, daß es ein sehr altes gebäude sei.“ Das Alter der heutigen Stadtkirche - Vorgängerbauten sind keinesfalls auszuschließen - wird in der Literatur sehr unterschiedlich angegeben. Die Meinungen der Fachleute über die Entstehungszeit der Kirche gehen stark auseinander und reichen von der Mitte des 12. Jahrhunderts über Ende 13. bis Mitte 15. Jahrhundert. Es liegen jeweils rund l50 Jahre dazwischen! Die erste Bauzeit wird im Zusammenhang mit der Stadtgründung um 1150 vermutet, läßt sich aber nicht belegen. Am jetzigen Bau finden sich keine romanischen Elemente aus dem l2. Jahrhundert, und Grabungsbefunde liegen nicht vor. In dieser Zeit baute man in Havelberg am bischöflichen Dom, den anfangs vielleicht auch die Bewohner der Stadtinsel besuchten.

Eine erste schriftliche Erwähnung der Stadtkirche finden wir anläßlich der Stiftung von Nebenaltären im Jahre 1340. Ihre Bauanfänge kämen demnach um 1300 in Frage, was auch von Friedrich Adler und Paul Eichholz in ihren Beschreibungen über St. Laurentius angenommen wird. Die vermutete Bauzeit im 15. Jahrhundert ist wohl allein aus dem Vergleich der Bauformen von St. Jakobi in Perleberg heraus entstanden.

Eine detaillierte bau- und kunsthistorische Begutachtung der Kirche würde sicher Aufschluß über ihre Entstehung bringen. (Die erste dendrochronologische Untersuchung im Dachstuhl des Altarraumes ergab z.B. an einem Eichenbalken ein Fälldatum von 1210.)

Der jetzige Bau besteht aus dem Westturm, dem dreischiffigen Langhaus und einem in fünf Seiten des Achtecks geschlossenen Chor. Westlich am Turm befindet sich ein im 15. Jahrhundert entstandener, zweistöckiger Vorbau mit der alten Türmerwohnung. Die Votivtafel mit Kreuzigungsrelief neben dem Westportal entstand 1459. Darüber ist ein Sühnekreuz eingemauert. An der Süd- und Nordseite des Chores entstanden im 17. Jahrhundert Anbauten. Das Kircheninnere ist mit einem hölzernen Kreuzgewölbe ausgestattet. Geplant war sicher ein massives Gewölbe, das entweder durch den schlechten Baugrund nie ausgeführt werden konnte oder durch spätere Zerstörungen verlorenging. Im Chorraum befand sich nach der Reformation eine flache Kassettendecke mit rund 70 Porträtbildern, die vermutlich 1750 überputzt wurden und l854 durch den Einbau des Kreuzgewölbes im Dachraum verschwanden. 1989 entdeckten Dachdecker bei Reparaturarbeiten die relativ gut erhaltene Holzdecke im Dachstuhl des Chorraumes.

Der Kirchenbau hat, wenn er auch den großen Brand von 1627 fast als einziges Gebäude der Stadtinsel relativ unbeschadet überstand, viele Veränderungen hinnehmen müssen. Brände, Blitzschläge, Kriege und der zu weiche Untergrund sind die Ursachen.

Interessant scheint die recht gut aus gotischer Zeit erhaltene Südwand des Kirchenschiffs mit ihren profilierten Fenstern und dem vermauerten Portal. Auf der Nordseite befand sich der vermutlich 1346 entstandene Kapellenanbau St. Johannes. Nach seinem Abriß l854 entstand hier das neugotische Portal.

Schriftliche Überlieferungen zu baulichen Veränderungen an der Stadtkirche finden wir in einer Urkunde von 1660. Darin steht, daß zwei Jahre zuvor (1658) der Kirchturm „so eine dreydoppelte Haube gehabt mit Kupfer gedeckt“, die Orgel, Glocken und das Holzgewölbe (“brettern boden“) durch Feuer zerstört wurden. Bis l660 arbeitete man an der Wiederherstellung der Kirche, wobei Kirchturm, Dach, Holzdecke und die zerstörte Ausstattung erneuert werden mußten. Auch die heute das Stadtbild prägende, schiefergedeckte Turmhaube entstand in jener Zeit. 1704 zerstörte ein Blitzschlag den Turmvorbau. Ein Jahr später wurden im Protokollbuch des Stadtgerichts die Emporen in der Kirche erwähnt, die zu dieser Zeit schon vorhanden gewesen sein müssen.

Im Jahre 1750 war man erneut gezwungen, an der Kirche zu bauen, „da an der süd- und westseite die mauer sich merklich geneiget“ (Bekmann l753). Die inneren Pfeiler und große Mauerteile mußten neu aufgebaut und die äußeren Strebepfeiler verstärkt werden. Das Mittelschiff erhielt ein neues hölzernes und überputztes Tonnengewölbe. In die Kirchenschiffe und den Chorraum baute man barocke Emporen ein, die gesondert für Offiziere, Ratsherren, Soldaten, Schüler und verschiedene Gilden vorgesehen waren. Die Arbeiten waren noch nicht abgeschlossen, als 1752 durch einen Blitzschlag das Dach, der Turm, die Orgel und die Holzdecke erneut zerstört wurden. Neben der notwendigen Reparatur ließ sich die Stadtgemeinde 1754 von Gottlieb Scholze aus Neuruppin eine neue Orgel bauen. Die folgenden Jahre waren durch übliche kleinere Reparaturen am Gebäude gekennzeichnet. 1817 erhielt die Kirche einen neuen Altar in neogotischen Formen mit einem Gemälde der Kreuzabnahme von Bernhard Rhode.

In der Mitte des vorigen Jahrhunderts beantragte der Gemeindevorstand bei der königlichen Regierung den „inneren Ausbau“ der Stadtkirche. Im Antrag steht: „Der Putz an der Decke und an den Wänden ist unsauber, sämtliche Sitze im Schiffe und auf den Chören sind veraltet, und zum großen Theil beschädigt, die Emporen selbst sogar theilweise schon unsicher, mehrere Eingänge schlecht und wegen des Zuges, den sie erzeugen, schädlich, das Pflaster ist durchweg schadhaft.“ Innerhalb eines halben Jahres, von Mai bis November 1854, wurde nach den Angaben des Regierungsbaurates Horn in der Kirche folgendes erneuert: Mittelschiff und Chor er- hielten das hölzerne verputzte Kreuzgewölbe, der Fußboden wurde mit roten und weißen Steinen neu gepflastert (teilweise Holzdielung), alle Emporen, Stühle und Türen neu gebaut, die Kanzel umgesetzt und die Orgel repariert. Außerdem wurde die Johanneskapelle an der Nordseite der Kirche abgerissen und an deren Stelle ein neugotisches Portal gesetzt. Aus der 1819 veröffentlichten Reisebeschreibung von Prof. Büsching geht hervor, daß sich in der Kapelle zu seiner Zeit noch einige gotische Schnitzaltäre befanden, die sicher zur mittelalterlichen Ausstattung der Kirche gehörten. Leider ist über ihren Verbleib nach dem Abriß der Kapelle nichts bekannt. 1895 baute man in die Stadtkirche eine erste Heizanlage, bestehend aus acht Gasöfen ein, die schon rund zehn Jahre später durch eine Warmluftheizungsanlage ersetzt wurde. Die beiden großen Kriege unseres Jahrhunderts brachten den Verlust der alten Bronzeglocken und Schäden am Gebäude mit sich. 1956 wurden neue Glocken eingebaut, 1970 das Kircheninnere ausgemalt und 1985 bis 1991 Dach und Dachstuhl saniert.

Heutige Ausstattung und Einbauten (chronologisch): aus dem 15. Jh. verzierter Sakristeischrank; 1537 Grabplatte des Hans von der Schulenburg; 1566 Grabplatte des Bürgermeisters Mathias Kurdes; 1566 Grabplatte des Pfarrers Nicolaus Herwig; 1585 Grabplatte des Pfarrers Peter Rhinow; 1595 Grabplatte des Bürgers Kersten Hovemann; 1625 Grabplatte des Bürgermeisters Franz Kurdes; 1646 Porträtbild des Pfarrers Joachim Blumenthal; aus dem 17. Jh. Kreuztragungsgemälde und Spätrenaissanceleuchter aus Messing; 1691 Spätrenaissancekanzel (Bemalung von 1702); 1723 bronzener Taufständer; 1733 Porträtbild des Pfarrers Caspar Lehmann; 1752 Porträtbild des Pfarrers Caspar Franke; 1754 Orgel von G. Scholze; aus dem 18. Jh. fünf Grabplatten Havelberger Bürger, darunter eine Platte der Familie des Offiziers Reimar von Kleist von 1791; 1817 Altarciborium und Gemälde der Kreuzabnahme von Bernhard Rhode; 1854 Emporen, Bänke und Türen. Kurz nach der Gründung eines Museums in Havelberg kamen einige Ausstattungsstücke der Stadtkirche in die Ausstellungen, darunter als ältestes Kunstwerk eine 110 cm hohe geschnitzte Christusfigur (Kruzifix) um 1330, eine Gedenktafel der Familie Curdes von 1676, der Opferstock und rund 30 Bücher aus dem 16. Jahrhundert sowie zwei Altarleuchter und zwei Sandsteinfiguren aus dem 17. Jahrhundert.

Die Hospitalkapelle St. Anna

Hospitalkapelle St. Annadie Hospitalkapelle St. AnnaÜber die Gründung des achteckigen Backsteingebäudes am Hohlweg vor dem Steintor ist nichts bekannt. Die Kapelle ist ihrer Bauform nach in das 15. Jahrhundert gehörig und einer der wenigen mittelalterlichen Zentralbauten der alten Mark Brandenburg. In jeder Achteckseite befindet sich ein Flachbogenfenster mit rechts und links angeordneten Rund- und Flachbogenblenden. Der Bau hatte zwei Portale, eines zur Steintorbrücke mit einem Backsteinkreuz geziert und ein zweites zum Hohlweg führend (heute vermauert). Das achteckige steile Zeltdach ist mit Ziegeln gedeckt und birgt darunter noch den solide gezimmerten originalen Dachstuhl. Die flache Holzdecke im Inneren ist seit der Instandsetzung von 1907 mit einem Sterngewölbemuster in Form von aufgenagelten Leisten geziert. Aus dieser Zeit stammt auch der Ziegelfußboden, die Eingangstür und die Rautenverglasung der Fenster. Im Osten steht ein steinerner Altartisch.

Die Nutzung der Kapelle war in den vergangenen Jahrhunderten sehr wechselvoll. Im 15. und l6. Jahrhundert war sie das kleine Gotteshaus des in der Nähe gelegenen Hospitals St. Gertraut und St. Annen. Vielleicht gründete man das Hospital für die Pf1ege und Versorgung der nach Wilsnack pilgernden Wallfahrer. Ein dazugehöriger kleiner Friedhof erstreckte sich bis an den Hohlweg. Dieser diente nach der Reformation den umliegenden Berggemeinden als Bestattungsplatz. In der Kapelle wurden die Trauerfeiern gehalten. Seit Anlage der neuen Friedhöfe im Jahre 1822 diente der kleine Bau nur noch als Abstellraum für die Leichengräbergeräte und als Leichenhalle für fremde Leichname (z.B. Ertrunkene aus der Havel). 1886 plante die Stadt eine Restaurierung der Kapelle im neogotischen Stil mit Emporeneinbauten, die jedoch nie verwirklicht wurde. 1907 erfolgte eine bauliche Instandsetzung für die reguläre Nutzung als Leichenhalle des Saldernberger- und des Jungfern- friedhofs. Seit den 1950er Jahren diente sie schließlich als Holzlager für einen Tischler. 1995 ließ die Stadt den malerischen Backsteinbau erneut instand setzen, diesmal zur Nutzung als Traukapelle.

Das vor der Annenkapelle aufgestellte Pilgerkreuz ist die Nachbildung eines mittelalterlichen Wegweisers aus Lübeck. Es wurde 1932 vom Steinmetz Fritz Krege zur Erinnerung an die auch in Havelberg durchziehenden Pilgerscharen nach Wilsnack angefertigt.

Die Hospitalkapelle St. Spiritus

Hospitalkapelle St. Spiritusdie Hospitalkapelle St. SpiritusSie befindet sich auf dem Salzmarkt und lag im Mittelalter direkt vor dem Sandauer Tor. Der rechteckige Backsteinbau mit seinen hohen gotischen Fensternischen stammt aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. 1390 wurde der Altar für die neue Kapelle vom Bürger Thidericus Kirmer gestiftet. Den Stadtbrand von 1627 üherstand der massive Steinbau unbeschadet. Durch spätere Umbauten ist außen nur noch an der Seite zum Salzmarkt hin der ehemals kirchliche Charakter des Gebäudes erkennbar. Hier wechseln sich hohe spitzbogige Blenden mit fein profilierten gotischen Fenstern ab. In der Spitzbogenblende des heute flachbogigen Portals befindet sich ein um 1400 entstandenes Sandsteinrelief mit der Verspottung und Kreuzigung Christi. Das Innere des Gebäudes ist heute durch Umbauten in zwei Stockwerke geteilt.

Über mehrere Jahrhunderte diente die Kapelle als Gotteshaus des Beginenhospitals. Beginen (auch Beguinen) waren Bürgerwitwen oder -töchter, die sich in einer klosterähnlichen Gemeinschaft zusammenfanden; zur eigenen sozialen Versorgung und zu Werken christlicher Nächstenliebe. Sie beschäftigten sich hauptsächlich mit Krankenpflege, Gebet, Handarbeit und Leichenbesorgung.

Im 19. Jahrhundert gingen die Pflichten der Beginen zurück. Als Einrichtung zur Versorgung von Bürgerwitwen bestand das Beginenhaus noch bis zur Mitte unseres Jahrhunderts. Wann das Innere der alten Kapelle zu Wohnzwecken umgebaut wurde, läßt sich leider nicht sagen. Das Gebäude ist 1841 als sehr baufällig eingestuft worden. Das Erdgeschoß beherbergte in dieser Zeit eine große beheizbare Stube die etwa die Hälfte des Gebäudes einnahm. Im Treppenhaus war gleichzeitig die Küche mit einer Kammer und im Obergeschoß befanden sich sechs kleine Kammern. 1852 wurden die Stubenfenster mit Bleifassung repariert, 1855 eine neue Treppe eingebaut und wieder vier Jahre später die Dielung erneuert. Die Umbauten erfolgten in kleinen Schritten, bis schließlich 1885 eine separate Krankenstube im Erdgeschoß (links vom Eingang), drei beheizbare Stuben im Obergeschoß, ein neuer Schornstein und sechs Dachkammern entstanden. Das Gebäude wurde, nachdem 1952 die letzten Bewohnerinnen auszogen, seit 1960 als Büro für eine Statistikbehörde genutzt. Seit der Instandsetzung von 1993 beheimatete es das Fremdenverkehrsamt von Havelberg. Seit dem 3. Oktober 2000 wird es einer neuen Nutzung zugeführt.



        


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